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Schafe erkennen Freunde, auch Menschen

Die wolligen Herdentiere gelten als dumm. Wenn man sie jedoch beobachtet und testet, beweisen sie unerwartete Intelligenz incl. sozialer Kompetenz. In einer neuen Studie bestachen sie durch ihre Fähigkeit, z.B. Emma Watson und Barack Obama auf Fotos wiederzuerkennen.

 

Jeder, der schon einmal Schafe versorgt hat, kann bestätigen, dass sie ihre menschlichen Pfleger problemlos erkennen. Wer sie regelmäßig mit Leckereien versorgt, wird freudig begrüßt bzw. regelrecht belästigt. Und gegenüber Fremden sind Schafe fast ebenso vorurteilsbelastet wie unbedarfte Menschen ihnen gegenüber, genau genommen fürchten sie sich vor Unbekanntem aller Art. Aber dies ist auch gut so, denn sie sind bevorzugte Beutetiere größerer Raubtiere wie Wolf, Hund, Luchs & Co. und haben keinerlei Waffen, um sich gegen diese zu wehren - nur Vorsicht, Flucht und ein ausgeprägter Gruppensinn kann sie retten.
Ich habe zwar schon geschafft, mich von einem Schaf blutig beißen zu lassen, allerdings nur, weil ich meine Finger in seinen Mund gesteckt hatte, um sie ablecken zu lassen. Dies funktionierte mit drei Fingern, beim vierten biss es herzhaft zu - obwohl den kleinen Wiederkäuern im Oberkiefer die Schneide- und Eckzähne fehlen, besitzen sie kräftige Backenzähne.
Muss man sich einen Ersatzpfleger suchen, sollte dieser dem ‚Original‘ möglichst ähneln. Dabei helfen vertraute - und vertraut riechende - Kleidung und Ansprache. Völlig überlisten kann man Schafe dabei jedoch nicht, denn diese Täuschungsmanöver wirken nur in einiger Entfernung.

Menschliche Gesichter erkennenSchafbock Horst kannte und mochte mich gut, ebenso wie seine Artgenossen

Ihre Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, haben Franziska Knolle und zwei Kolleginnen von der University of Cambridge an einer Herde Walisischer Bergschafe näher untersucht. Acht Probanden lernten zunächst, dass sie bei Annäherung an einen Monitor Futter erhalten. Anschließend wurden zwei Bilder präsentiert, eines mit einem menschlichen Portrait und eines mit einem Objekt (Laterne, Stuhl etc.), die Belohnung gab es nur bei Annäherung an eines der Menschengesichter - hier von Emma Watson, Fiona Bruce, Jake Gyllenhaal und Barack Obama (diese Wahl unterstützte sicherlich die Verbreitung der Studie in der Tagespresse). Im nächsten Trainingsdurchgang mussten die Schafe zwischen einem dieser Portraits und einem unbekannten wählen, der allerdings dem Prominenten in Geschlecht und Hautfarbe übereinstimmte. Die Ergebnisse verblüffen: die Wahl der Schafe war in fast 80% der Durchgänge korrekt. „Unsere Daten zeigen, dass Schafe lernen können, die Gesichter von unbekannten Individuen von Fotos zu erkennen“, erklären die Autorinnen.
Aber der Test wurde noch schwieriger: Den Schafen wurden die Portraits von Prominenten und Unbekannten nun nicht mehr frontal gezeigt, wie in den ersten Durchgängen, sondern im Halbportrait, also mit leicht zur Seite gedrehten Gesichtern. Nun lagen die Wahlergebnisse nicht mehr ganz so hoch, mit fast 70% aber immer noch deutlich über einem zufälligen Ergebnis.
Auch den letzten Test absolvierten die wolligen Probanden mit Bravour: In die Bildauswahl mit den Prominenten wurden einzelne Fotos ihrer menschlichen Bezugspersonen, der Schäfer, eingestreut, ebenfalls kombiniert mit Fotos von ähnlichen, aber unbekannten Personen. Auch diese erkannten sie zuverlässig und sogar ohne Training. Besonders interessant waren die Reaktionen der Schafe auf die unerwarteten Motive: Sie schauten sich erst beide Fotos nacheinander an und bauten sich nach kurzem Nachdenken entschlossen vor dem Foto ‚ihres‘ Menschen auf. Die Autorinnen betonen „Diese Aufgabe erfordert eine komplexe Bildverarbeitung mit Übertragung dreidimensionaler in zweidimensionale Informationen.“

Damit ist erwiesen, dass die kognitiven Fähigkeiten von Schafen besser sind als ihr Ruf: sie können bekannte von unbekannten Menschengesichtern unterscheiden, sogar wenn die Bekanntheit nur über Fotos - und Belohnungen - trainiert wurde. „Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Schafe hochentwickelte Fähigkeiten zur Gesichtserkennung besitzen, ähnlich denen von Menschen und nicht-menschlichen Primaten“, erklären die Wissenschaftlerinnen. Sie wollen nun erforschen, ob die Wiederkäuer in Gesichtsausdrücken auch Emotionen erkennen können, etwa kombiniert mit entsprechendem Verhalten.

Schafe wirken nicht nur auf Menschen beruhigend, sondern auch auf ihresgleichenStressabbau durch Anblick Bekannter

Ansatzweise wurde schon 2004 nachgewiesen, dass Schafe die Emotionen von Artgenossen auf Fotos erkennen, und auch, dass diese die Emotionen der tierischen Probanden beeinflussen. Ana da Costa und ihre Kollegen vom Babraham Institute in Cambridge isolierten für ihre Studie je ein Schaf für eine halbe Stunde von seiner Herde, was bei den ausgesprochenen Gruppentieren sofort Stress auslöst. Dieser ist erkennbar an höherer Herzschlagfrequenz, häufigem Blöken und Unruhe, eine genauere Untersuchung zeigt einen Anstieg von Stresshormonen und gesteigerte Aktivität in Hirnarealen, in denen Stress verarbeitet wird.

Zeigt man den isolierten Schafen dann Fotos von Gruppenmitgliedern, entspannen sie sich deutlich, alle Stresssymptome nehmen ab und v.a. normalisierte sich die Hirnaktivität wieder. Interessant ist der Befund, dass beim Betrachten der Fotos der frontale Cortex sehr aktiv wurde, der u.a. für die Gesichtserkennung zuständig ist. Besonders wirkungsvoll waren Fotos von befreundeten Schafen und vor allem, wenn diese Gesichter Entspannung ausdrückten, etwa beim Wiederkäuen. Keinen Effekt hatten denn auch Bilder von einem Dreieck oder einer Ziege, beide wirken nicht beruhigend auf Schafe, die ihresgleichen bevorzugen und zu ihrer Sicherheit benötigen.

Wenn man aus irgendeinem Grund ein Schaf von der Herde isolieren muss, hilft wahrscheinlich die Empfehlung der Autoren, bei dem Einzelschaf Stress zu reduzieren, indem man Bilder von Artgenossen an die Wand hängt. Versierte Halter berichteten mir, dass ein Spiegel ähnlich entspannend wirkt.

Schafe kennen und vertrauen einanderDie Wirkung von Freunden

Übrigens erkennen Schafe befreundete Artgenossen wieder, selbst nachdem sie mehrere Jahre von ihnen getrennt waren, wie Jennifer Morton aus Cambridge (s.u.) feststellte.
Das Leben in einer Gruppe sichert ihr Überleben, nicht nur durch den Verdünnungseffekt - indem beim Angriff eines Räubers die Überlebenschance für jedes Individuum immer größer wird, je größer die Gruppe ist -, sondern auch durch den Verwirreffekt - es ist für einen Beutegreifer viel schwieriger, aus einem „Gewimmel von Nahrung“ ein Tier auszusuchen als nur eines oder sehr wenige vor sich zu haben.

Außerdem profitieren Schafe von den Erfahrungen ihrer Gruppenmitglieder, das soziale Lernen ist bei ihnen sehr gut ausgebildet. Sie beobachten ihresgleichen z.B. bei Kontakt mit einem Weidezaun und entscheiden anhand seiner Reaktionen - fressen oder zurückzucken -, ob sie diesen Bereich nutzen oder meiden. Dies konnte ich einige Male bei ihren Ausbruchsversuchen aus der Weide beobachten und war absolut fasziniert von den prompten und passenden Reaktionen der zuschauenden Schafe. Übrigens können zwar die Bindungen zwischen befreundeten und verwandten Schafen durchaus sehr eng sein, diese sind aber individuell ausgeprägt. Ihre Gruppen sind hierarchisch gegliedert; durch solche klaren „Verhältnisse“ vermeiden sie Stress und unnötige Konflikte und orientieren sich auch stärker an Freunden als an bedeutungslosen Individuen.
Lämmer lernen auch bekömmliche Pflanzen durch Nachahmen erwachsener Vorbilder. Schon wenige Tage nach ihrer Geburt knabbern sie an Gras und Heu, das Mutter & Co. fressen. Für ihre Ernährung spielt das Futter noch keine Rolle, abgesehen vom Aufbau der wichtigen Magen- und Darmflora bzw. der langsamen Umstellung des Verdauungstraktes auf feste Nahrung lernen sie aber schon Geschmack mit Verträglichkeit und Wohlbefinden zu verbinden.

Auch sonst keineswegs dumm

Von wegen dummes Schaf, sie probieren durchaus neue Wege ausNatürlich lernen auch Schafe schnell, bestimmte Signale mit Belohnungen zu kombinieren, wie alle Wirbeltiere. Die Neurowissenschaftlerin Jennifer Morton, ebenfalls von der University of Cambridge, untersuchte diese Fähigkeit der Herdentiere ausgiebig, indem zunächst nicht ein blauer, sondern ein gelber Eimer Futter für sie enthielt. Auch das Umlernen fiel den Versuchsschafen leicht, etwa dass anschließend der blaue Eimer die Belohnung enthielt, nicht mehr der gelbe. Das Ende der Fahnenstange war aber noch nicht erreicht; die Schafe lernten außerdem ziemlich problemlos, dass die korrekte Farbe immer noch Erfolg versprach, allerdings nun nicht mehr in Form eines Eimers, sondern z.B. eines Kegels.
Damit übertrumpfen die angeblich dummen Wolllieferanten sogar Mäuse und Ratten, die man gemeinhin für recht intelligent hält - sie sind es auch, aber eben nicht nur sie - und spielen in dieser Beziehung in der gleichen Liga mit Menschen und nicht-menschlichen Primaten.

Wie viele Tiere erinnern sich auch Schafe an Landmarken, d.h. sie können sich gut in ihrem Lebensraum orientieren und erinnern sich an Erfolg versprechende Gebiete, sei es um leckere Pflanzen zu finden oder schattige und geschützte Plätze. Sie lernen dabei durch Versuch und Irrtum, wie ich oft an Lämmern beobachten konnte. Wenn die Lämmchen nach der Mittagsruhe der Herde und dem Gang zu erfolgreichen Weidegründen „bummelten“ und den Anschluss verloren, versuchten sie, auf direktem Wege zu den erwachsenen Schafen zu kommen. Dass der einzige freie Weg dorthin durch ein offenes Tor im Zaun einen Umweg bedeutete, mussten sie durch viel Rennerei lernen. Der (gleiche) Rückweg war damit noch lange nicht klar, erst nachdem sie auch aus der anderen Richtung das Tor wieder erst nach einigem Rennen am Zaun entlang fanden. Nachdem sie beide Wege einmal gelernt hatten, war der Stress vorbei, sie nahmen ohne Zögern den Umweg.

Quellen:

Da Costa, A.P., A.E. Leigh, M.-S. Man, K.M. Kendrick (2004): Face pictures reduce behavioural, autonomic, endocrine and neural indices of stress and fear in sheep. – The Royal Society Publishing, DOI: 10.1098/rspb.2004.2831

Knolle, F., R.P. Goncalves, A.J. Morton (2017): Sheep recognize familiar and unfamiliar human faces from two-dimensional images. – The Royal Society Publishing, DOI: 10.1098/rsos.171228

Morton, A. & L. Avanzo (2011): Executive Decision-Making in the Domestic Sheep. – PloS one, e15752, DOI: 10.1371/journal.pone.0015752

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