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Vorsicht?Die Antwort auf die Frage, ob besänftigende Worte einem Pferd besser dabei helfen Angst zu überwinden als strenge, scheint auf der Hand zu liegen und die Studie zu dieser Frage überflüssig. Das Ergebnis ist umso verblüffender und hilfreich beim Umgang mit unsicheren Pferden.

Viele Trainer arbeiten schweigend mit Pferden, denn untereinander kommunizieren die ja auch hauptsächlich durch Körpersprache. Wie die meisten Halter spreche ich beim Training immer wieder gerne mit Tieren, auch Pferden. Ich gehe zwar davon aus, dass sie nicht die Bedeutung der Worte verstehen, aber sehr wohl auf den Tonfall reagieren, der ihre Emotionen beeinflusst, also beruhigend, bestätigend, anregend oder abschreckend und verunsichernd wirken kann (wobei ich die positiven bevorzuge).

Die Annahme

Die meisten Menschen benutzen freundliche, besänftigende Signalworte als Lob, aber auch, um ihr Pferd in unbekannten und beängstigenden Situationen zu beruhigen. Im Gegensatz dazu empfinden wir harte, unfreundliche Worte als Tadel und setzen sie eher zum Zurechtweisen ein.

Ein Team von Wissenschaftlerinnen um Camie Heleski testete die Wirkung beider Signale auf über 100 Pferde beider Geschlechter und unterschiedlichen Alters aus den USA und Europa. Sie bedienten sich einer recht einfachen Methode: Jedes Pferd sollte als beängstigende Aufgabe über eine Plastikplane gehen. Als Belohnung für jeden Fortschritt nutzten die Trainerinnen eine negative Verstärkung (etwas Unangenehmes wird entfernt), d.h. blieb das Pferd vor der Plane stehen, wurde der Führstrick auf Spannung gehalten, aber sofort gelockert, sobald es einen Schritt vorwärts ging. Zusätzlich zu dieser Verstärkung sprach man eine Hälfte der getesteten Pferde gleichzeitig mit Nachgeben des Strickes mit einem freundlichen „good horse“ an, d.h. leise und mit tiefer Tonlage, die andere Hälfte mit einem harschen „quit it“ („Lass es“), d.h. lauter und mit höherer/schrillerer Intonierung – der einzige Unterschied in Aufgabe und Umgang.

Das Ergebnis

Im Gegensatz zu ihrer (und auch meiner) Annahme stellten die Forscherinnen fest, dass beide Testgruppen das Ziel, die Plane zu überqueren, gleich gut meisterten! Beim ersten Durchgang brauchte etwa ein Viertel der Pferde länger als 10 Minuten, sowohl bei freundlicher als auch unfreundlicher Ansprache. Alle Pferde brauchten ungefähr die gleiche Zeitdauer, um sichtlich entspannt über die Plane zu gehen, ein weiteres wichtiges Ziel der Studie, und auch die Herzen der harsch angesprochenen Pferde schlugen dabei nicht schneller als die der sanft angesprochenen.

Es gab lediglich zwei Unterschiede: Die 3-4-jährigen Pferde weigerten sich häufiger, die Plane innerhalb von 10 Minuten zu überqueren, als die von 20 Jahren und älter. Dabei mag die größere Erfahrung der Älteren einfließen und möglicherweise ihr stärkeres Vertrauen in Menschen, aber auch die vielleicht unterschiedliche Aufregung beider Altersstufen.

Die Überraschung

Und obwohl beide Gruppen gleich lang brauchten, um sich bei der Aufgabe zu entspannen, lag der zweite Unterschied der Ergebnisse in der Anzahl der Anläufe, die sie für dieses Ziel brauchten, überraschenderweise jedoch nicht wie erwartet. Tatsächlich brauchten die barsch angesprochenen Pferde nur etwa zwei Anläufe, die sanft angesprochenen dagegen drei!

Mit diesem Ergebnis hatte wohl kaum jemand gerechnet, auch nicht die Wissenschaftlerinnen. Sie vermuten, dass Pferde sich eher an der Körpersprache ihrer Trainer orientieren als an Wortsignalen oder ihnen die Trainer nicht vertraut genug waren. Die wahrscheinlichste Erklärung liegt ihrer Meinung nach daran, dass Pferde negative Verstärkung (Nachlassen des Strickes) als häufige Umgangsform kennen und dies für sie wichtiger ist als Wortsignale, die einfach nur Geräusche darstellen. Ihre Vermutung, dass Pferde nicht zwischen beiden akustischen Signalen unterscheiden können, teile ich nicht ohne weiteres, allerdings sind Pferde sehr lernfreudig, auch in Bezug auf unsere Umgangsformen. So kann man durchaus unterschiedliche Reaktionen beobachten, z.B. indem auf die harsche Zurechtweisung eines Pferdes, das im Stall wiederholt gegen die Boxenwände tritt, nur dieses Pferd reagiert und aufhört, während alle anderen höchstens mit einem Ohr zucken. Hier können wir wahrscheinlich das Ergebnis früherer Lernerfolge beobachten, d.h. die Pferde hatten bereits einen bestimmten Tonfall mit speziellen weiteren Konsequenzen verknüpft.

Bei näherem Durchdenken vermute ich jedoch einen weiteren Hintergrund für die „beschleunigende“ Wirkung schroffer Worte: Ein sanfter Tonfall wirkt beruhigend mit Betonung auf Ruhe, ein harscher Tonfall m.E. eher anregend und aktivierend. Insofern eignet sich eine sanfte Ansprache, Pferde beim ruhigen Stehenbleiben zu unterstützen, während eine höhere Tonlage zum Vorwärtsgehen ermutigt. So habe ich auch bei fremden Tieren gute Erfahrungen mit dem beruhigenden Wortsignal, z.B. „guuut“ und dem aktivierenden Signalwort „tapfer“ gemacht.

Elodie F. Briefer und ihre Kollegen stellten bei Untersuchungen des Wieherns von Pferden zwei unterschiedliche Frequenzen fest, eine mit Aussagen über Erregung, die andere über die Wertigkeit bzw. Bedeutung. Mit beiden gemeinsam drücken Pferde ihre Emotionen aus, negativ und positiv. So wirkt das „Lickern“ von Stuten angesichts ihrer Fohlen (tiefe, kurze Tonfolgen) v.a. während der Prägung beruhigend, während das hohe und schrille Wiehern eher alarmierend wirkt. Es sind jedoch weitere Studien nötig, um diese Zusammenhänge zu untersuchen.

Zur Methode

Negative Verstärkung wird sehr häufig beim Umgang mit Pferden eingesetzt, also Druck auszuüben, der bei einer positiven Reaktion des Pferdes nachlässt, ebenso wie leider positive Strafe, also eine unangenehme Konsequenz, wenn das Pferd etwas aus Sicht des Menschen falsch macht. Nach meinen Erfahrungen ist der Aufbau von Vertrauen wesentlich hilfreicher und für beide Seiten angenehmer. Besonders vorteilhaft ist eine Vertrauensposition, wenn das Pferd eine unangenehme Situation meistern soll, z.B. beim Einsteigen in einen Anhänger. Für diese Studie war die negative Verstärkung allerdings eine sinnvolle Methode, um die Wirkung der zusätzlich eingesetzten Worte zu testen, zumal sie keinen besonderen Stress verursachte, was die festgestellten Herzfrequenzen bewiesen.

Quellen:

Heleski, C., C. Wickens, M. Minero, E. DallaCosta, C. Wu, E. Czeszak & U. König von Borstel (2016): Do soothing vocal cues enhance horses‘ ability to learn a frightening task? – Journal of Veterinary Behavior, 10: 41–47.

Briefer, E. F., A.-L. Maigrot, R. Mandel, S. Briefer Freymond, I. Bachmann & E. Hillmann (2015): Segregation of information about emotional arousal and valence in horse whinnies. – Scientific Reports 4, Article number: 9989, doi:10.1038/srep09989.